Heute will ich über Ratschläge schreiben.
Wir bekommen sie, wir geben sie, gefühlt zig Male am Tag. Meistens ungefragt. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal bewusst und beabsichtigt um einen Rat gebeten habe.
Das Thema beschäftigt mich seit einem Zwischenfall vor kurzem. Ich erzählte einer Freundin, die mich fragte, wie es mir geht, dass ich irgendwie an dem Tag traurig und bedrückt war, ohne wirklich zu wissen warum. Sie meinte „Man muss einfach nur zufrieden sein mit dem was ist. Steh morgens auf und denke dir, wie schön, dass ich am Leben bin! “ Fertig. Meine sarkastische – und im Nachhinein betrachtet unfaire – Antwort : „Ich frage mich, warum so viele Menschen jahrelang Psychologie studieren und anschließend noch eine lange und aufwändige Therapeutenausbildung machen müssen, wenn du quasi als Laie ohne das alles genau weißt, wie es geht und die Lösung kennst.“ Der gute Rat hatte sein Ziel um Lichtjahre verfehlt.
Ich war wirklich sauer. Hauptsächlich, weil ich weiß, dass sie Recht hat. Man sollte Dankbarkeit kultivieren und ja, man sollte morgens damit beginnen. Dennoch fühlte ich mich noch schlechter danach. Weil ich ihren bzw. gerade DIESEN Ratschlag in dem Moment nicht wollte.
Auf eine vermutlich arrogante Art weiß ich selbst, wie das geht und kenne mit Sicherheit mehr Skills und Übungen, um sich emotional zu stabilisieren als meine Freundin, die von Natur aus ein eher sonniges Gemüt hat. Wovon ich Trilliarden Kilometer entfernt bin. Zumindest kommt es mir ab und zu so vor.
Vermutlich hat sie genau diesen Nerv getroffen, dass ich selbst unzufrieden war mit mir und meiner Stimmung an dem Tag.
Sie wollte mir etwas Nettes sagen und mir „helfen“. Dabei wollte ich gerade gar keine Hilfe, sondern einfach nur Verständnis, und dass man mich gerade mal so sein lässt und nicht von mir erwartet, bestens gelaunt zu sein.
Da waren also gleich mehrere Annahmen und Gedanken im Spiel:
- Ich bin die Totalversagerin weil ich so einfache Sachen nicht hinkriege
- Ich bin selbst schuld.
- Ich darf nicht so sein.
- Sie erwartet, dass ich ihr bestens gelaunt zur Verfügung stehe, um IHR die Aufmerksamkeit zu schenken, für die sie gekommen ist.
Wenn ich das so schreibe bzw. lese, merke ich selbst, welche kardinalen Denkfehler und ungünstigen Muster da am Werke sind. Aber in dem Moment sieht man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Die Wogen sind auch längst wieder geglättet und tatsächlich haben wir dann etwas ehrlicher und authentischer miteinander gesprochen, als man es im üblichen Alttagssmalltalk oft tut.
Insofern war das ein guter Eisbrecher, um von der Oberflächengeplänkel-Ebene auf das zu wechseln, was ich Real Talk nenne. Also wirklich das, was man denkt und fühlt und was einen gerade bewegt.
Mir fiel dann auch auf, dass man das viel zu selten tut. Selbst in Freundschaften.
Ich denke seither darüber nach und bin der Ansicht, wir sollten aufhören mit Ratschlägen. Und uns mehr trauen ehrlich zu sagen, wann wir einen guten Rat brauchen und wenn nicht, was wir stattdessen gern hätten.
Ich habe eine andere Freundin, die mich bisweilen praktisch mit fast allem um Rat fragt. Ob sie das tragen kann, ob das so richtig ist, ob sie das vielleicht anders formulieren sollte. Das kann auch anstrengend sein.
Ich selbst stelle praktisch nie solche Fragen, außer ausgerechnet Männern.^^
Ich empfehle mal eine Woche lang selbst genau darauf zu achten, wem wir wann ungefragt Ratschläge erteilen.
Heute habe ich mich selbst dabei ertappt, wie ich einen Rat geben wollte, der nicht gewünscht war. Jemand ärgerte sich sehr über das nicht wertschätzende Verhalten eines anderen. Da ich das kenne, die Person und das Verhalten, ratschlagte ich, es nicht persönlich zu nehmen. „Der ist zu allen so“, sagte ich fröhlich. Diesmal meinte ICH es gut und wollte „nur helfen“, aber merkte schnell, dass meine wohlgemeinte Intention so gar nicht ankam. Im Gegenteil. Über mich ergoss sich eine weitere Tirade der Wut und Enttäuschung, die nicht MIR galt, sondern dem eigentlich Verantwortlichen. Aber was soll’s. Ich nahm es nicht persönlich 😉 und versuchte dem Gespräch schnellstmöglich zu entkommen. Immerhin bin ich ungern die Stellvertreter-Zielscheibe überbordenden emotionalen Ausdrucks von Enttäuschung. Aber da habe ich zumindest die andere Seite der Medaille erlebt und mir wurde klar, dass das mit den guten Ratschlägen meist eine Einbahnstraßen-Sackgassen-Kombination ist.
Denn wenn man mal ehrlich ist, geht man in den seltensten Fällen wirklich auf sein Gegenüber ein.
Es gibt ja verschiedene Motive für einen Ratschlag:
- Man war in der Situation und hat eine Lösung gefunden, die man dem anderen jetzt vorschlägt – Motiv Selbstbestätigung
- Man hat darüber gelesen, dass man ein Problem so oder so lösen kann, auch wenn man es selbst noch nie geschafft hat – Motiv Selbstermutigung (kommt häufig im Zusammenhang mit Fragen zu Liebe-Dating-Beziehung vor)
Ich würde behaupten, letztendlich bestätigen wir uns IMMER nur selbst mit unseren Ratschlägen. Human nature eben.
Wie gibt man nun einen Rat im Idealfall?
Meine Lösung wäre, sich erstmal selbst einige Fragen zu stellen:
- Will der andere gerade wirklich einen Rat? Am besten daran zu erkennen, dass eine Frage gestellt wird (z.b. „Was soll ich tun?“)
- Kann ich da einen kompetenten Rat geben?
- Wäre ich selbst in der Lage, den Rat in einer ähnlichen Situation umzusetzen?
Und mal ganz ehrlich – sprich Real Talk :
Kein Mensch braucht Frauenzeitschriften-Küchentischpsychologie-Standardratschläge. Die kennen die meisten nämlich selbst.
Statt ratzugeben wäre meine Empfehlung, erstmal Empathie und Verständnis zu haben. Manchmal reicht das schon aus.
Was ich von Psychologen und Coaches gern abschaue, ist die Strategie, die richtigen Fragen zu stellen, um dem Gegenüber zu helfen, vielleicht selbst die Lösung zu finden und zu merken, was man braucht. Aber das fällt selbst mir oft schwer. Ich glaube, wenn man zumindest versucht, mal eine Weile KEINE ungefragten Ratschläge zu erteilen und sich einfach im Zuhören übt, ist schon viel erreicht.
Nicht als Ratschlag zu verstehen 😉
