Wozu ist sie gut?, frage ich mich gerade. Selbst in wirklich absolut und logisch herleitbar hoffnungslosen Situationen schaffen wir es noch, einen Funken davon zu bewahren.
Evolutionär bedingt ergibt es Sinn. Unser Verstand ist darauf ausgelegt, eher negatives wahrzunehmen und zu fokussieren, während das Positive viel flüchtiger ist. Klar, wer zu glücklich und unbesorgt durch den Urwald getänzelt ist, hat schlichtweg sein genetisches Material nicht weitergeben können, weil der Säbelzahntiger schneller war als die Fortpflanzung. Natürliche Selektion. Wir haben uns auf natürliche Weise zum negativ denken selektiert. Damit wir nicht gleichzeitig dauerdeprimiert und suizidal sind und auch so den Fortbestand der Art gefährden würden, hat uns die Evolution Hoffnung geschenkt. Sie bringt das System in Balance und schafft das überlebensnotwendige Gleichgewicht.
Ich hasse Hoffnung. Zumindest jetzt und hier hasse ich sie. Weil ich keine Hoffnung mehr haben will, wo mein Verstand doch ganz klar sieht, dass es überhaupt keinen Sinn ergibt. Und trotzdem hofft ein Teil in mir.
Die letzten Monate war ich sehr still hier.
Der Job fordert mich und laugt mich bisweilen etwas aus. Der Corona Blues tut sein übriges. Und der Ex war das Krönchen auf dem Haupte der dunklen Jahreszeit. Ich weiß bis jetzt nicht richtig, was er eigentlich wollte, als er sich Anfang Januar meldete. Gut, ich weiß es im Prinzip schon, er hat es mir ja geschrieben. Die Sprachlosigkeit überwinden. In seiner Interpretation sieht das dann so aus, dass man mir per Whatsapp-Nachrichten schickt, sogar Fotos aus Hamburg (ein Mensch mit Einfühlungsvermögen wäre selbst drauf gekommen, dass es vielleicht etwas ungeschickt ist, mir Fotos aus Hamburg zu schicken, wenn man selbst der Grund ist dafür, dass ich seit August 2020 nicht mehr in dieser schönen Stadt war).
Was er aber offenbar nicht wollte: mich sehen, mich hören, mich zurück gewinnen.
Es schmerzt mich etwas und ich muss aufpassen, mich nicht selbst zu sehr zu verurteilen dafür, dass der Kontakt mir die Hoffnung gab, es gäbe noch eine Chance für uns, für mich. Wobei genau da die Unlogik auch schon beginnt. Weshalb sollte ich auf eine Chance hoffen, wo doch ER derjenige ist, dem ICH bereit gewesen wäre, eine Chance zu geben. Nur hat er nie darum gebeten. Er wollte einfach nur whatsappen offenbar.
Es ist traurig für mich, und eigentlich sollte ich das alles gar nicht wissen, dass er auf Sexdating-Seiten Dinge schreibt wie „wenn ich Dich mag, kann ich sehr direkt sein“ und dass er ja die potenzielle Vögeltante gern auch in sein Leben lässt und auf ein rein virtuelles Dasein keine Lust hat.
Ich bin offenbar eine oder mehrere Stufen drunter für ihn. Direkt sein? Zu mir? Nein. Alles muss ich nachfragen, aus der Nase ziehen und durch direkte Fragen aus ihm herauspressen, um überhaupt eine direkte Antwort zu bekommen. Soll ich daraus schließen, dass er mich – ergo – gar nicht mag. Wäre ja die logische Schlussfolgerung.
Für Sexdating-Schlampen hat er Zeit, die trifft er, da will er kein virtuelles Dasein führen.
Mich, seine Ex, will er eigentlich nur ein bisschen in Whatsapp warmhalten. Rein virtuell. Nur wofür? Wozu braucht er das?
Er hat es ein Mal geschafft mich anzurufen, aber im Prinzip auch nur nach mehreren Zaunpfählen, mit denen ich winken musste. Das Telefonat war schön. Ich dachte, für ihn auch. Aber wieder angerufen hat er danach nicht.
Auf meine direkte Frage hin, ob er mir vielleicht noch einmal konkret sagen könnte, was eigentlich sein Ziel ist in Bezug auf mich, kam nur dieses oben erwähnte ominöse „die Sprachlosigkeit überwinden“. Darüber hinaus hätte er sich kein Ziel zurecht gelegt. Hört man doch gern als Frau, oder etwa nicht? Gottseidank sind nicht alle Männer so, sonst gäbe es keinerlei Liebesballaden von Männern, und soweit ich es überblicken kann, gibt es derer ja doch eine ganze Menge.
Die Sprachlosigkeit überwinden also. Nur eben ohne echte Sprache oder echte Kommunikation. Stattdessen reduziert auf ein nicht-simultanes, unpersönliches Gechatte, was manche auf dem Klo machen, und wofür man sich nicht extra Zeit nehmen muss.
Die Sprachlosigkeit überwinden, die er im Übrigen initiiert hat, als er nicht mehr reden wollte nach einem Streit. Und sich nicht mehr meldete. 4 Monate lang! Dass die Beziehung vorbei ist, habe ich im Grunde nur erfahren, weil ich gesehen habe, was ich nicht sehen sollte…. dass jetzt Sexdating wieder aktuell ist. Er hat sich und mich, uns beide, jeder Klärung oder Chance auf Weiterentwicklung beraubt.
Ich ärgere mich über mich selbst, meine Naivität und vor allem darüber, dass ich zugelassen habe, dass diese Hoffnung in mir aufkeimt. Selbst jetzt, nachdem ich ihm in einem Anfall von Wut und Enttäuschung meine letzten Worte an ihn übermittelt und ihn dann überall blockiert habe, selbst jetzt ist diese scheiß Hoffnung noch da.
Worauf denn eigentlich? Dass er vielleicht die Wege, die noch offen sind für Kommunikation, und es sind ausschließlich persönliche Wege, dass er diese nutzt, um mich davon zu überzeugen, dass es ihm leid tut, und er dumm war, mich für selbstverständlich zu halten und jetzt merkt, wie blöd es sich am Ende anfühlt, mich verloren zu haben?
Ja, Hoffnung auf das Unmögliche. Denn wenn er mich nicht hätte verlieren wollen, hätte er mich ja nicht mit ein paar Whatsapp Nachrichten abgespeist. Und ich denke mir: Was habe ich mir da für ein Monster erschaffen? Eine weise Frau sagte mal, wir erschaffen uns die Monster selbst. Es gibt nicht ansatzweise so viele Narzissten (nur etwa 2%der Bevölkerung, ähnlich wie Hochintelligente, zu denen ich bedauerlicherweise auch noch gehöre, was es nicht einfacher macht), wie es Frauen gibt, die sich durch ihr Verhalten die narzisstischen Verhaltensweisen eines Mannes heranzüchten. Man denke nur daran, der gleiche Mann kann völlig bindungsgestört wirken, solange man Kontakt hat, und drei Monate später ist er verlobt und bindungsfähiger als je zuvor. Ich glaube es auch langsam. Wir züchten uns selbst die Männer heran, die uns am Ende verletzen und definitiv NICHT heiraten.
Jemand, der denkt, er gibt mir gar nix, mich verletzt, wann immer ihm danach ist und der überzeugt scheint, dass ich trotzdem für ihn dableibe, ihn liebe und bereit bin zu verzeihen?
Genau das habe ich mir herangezüchtet.
Klar, die letzten fast drei Jahre hat er genau die Erfahrung mit mir gemacht. Dass ich verzeihe, dass ich Kluften überwinde, dass ich einstecke, dass ich Verständnis habe. Er hat nie die Erfahrung gemacht mit mir, dass schlechtes Verhalten einer Frau gegenüber Konsequenzen hat und dass man verliert, was man nicht wertschätzt. Zumindest bis vor etwa drei Wochen. Ich habe zu lange gewartet mit der Konsequenz. Denn eine Lernerfahrung wird da sicher nicht eintreten auf seiner Seite, oder die Erkenntnis „oh, Moment mal, da war ich nicht gerade sehr einfühlsam und wertschätzend, deshalb hat sie den Kontakt abgebrochen. Ja, verständlich!“
Aber was interessiert mich seine Lernkurve?
Es klingt jetzt alles viel schlimmer als es ist. Mir geht es meistens gut. Nur diese Resthoffnung macht mir noch zu schaffen. Ich bete mir mantrahaft „es gibt keine Hoffnung“ vor und hoffe, dass es irgendwann die Wirkung hat, die ich brauche. Und dass ich es selbst sehr bald auch wirklich glaube.
Ja, die Hoffnung. Was wären wir ohne sie?
Der große Elefant mit dem Namen „Bindungsangst“ steht auch weiterhin unübersehbar im Raum, und ich denke, damit habe ich das Thema für den nächsten Post schon mal fixiert.
Holt schon mal Eure Stefanie Stahl Bücher raus zur Kontrolle!
Love, Kat
