#RasterPsychotherapie

Ich stieß gerade auf einen interessanten Beitrag der taz zu geplanten Neuregelungen in der kassenfinanzierten Psychotherapie*. Es gab ja in jüngerer Vergangenheit schon weitreichende Neuerungen, die in meiner Erinnerung allesamt für viel Diskussion und großes Unverständnis sorgten. Einen kurzen Überblick dazu findet man z.B. in diesem Petitionstext, den ich von einer meinerseits sehr geschätzten Bloggerin rund um Psychologie, Ausbildung und alles, was das Leben hergibt, übernommen habe.

Jens Spahn ist ja schon lange jemand, dessen Name mich fast automatisch vor Abneigung das Weite suchen lässt. Wobei ich natürlich zu berücksichtigen versuche, dass er allein ja nur das „Gesicht“ des Gesundheitsministeriums ist und im Hintergrund viele Strategen, Kommunikatoren und Meinungsmacher ihre Strippen ziehen. Das mag ich ihm zugute halten.

Das Gesundheitsministerium hat nun offenbar, neben seiner bisher eher holprigen Leistung im Bereich Impfstrategie, dennoch Kapazitäten frei gehabt, um sich weitere Neuregelungen in der kassenfinanzierten Psychotherapie auszudenken. Entweder ist da ein Kreativworkshop komplett schief gegangen oder jemand hat den Durchblick auf der Mindmap-Tafel mit den bunten Post-its verloren. Eindeutig.

Ich finde, im Artikel ist alles sehr gut dargelegt. Hängen geblieben bin ich, da sich das Wörtchen „Retraumatisierung“ im Text findet, und ein Blick auf die Autorin bestätigte, dass da jemand schreibt, der zumindest mal Basiswissen zum Thema Trauma zu haben scheint. Auch deshalb erscheint es mir sehr teilenswert.

Ich sehe es leider auch so: am Ende profitieren die am meisten, die sich Therapiestunden selbst finanzieren können.

Die von den gesetzlichen Krankenkassen finanzierte Psychotherapie ist im Grunde auch NUR dafür da, die Arbeitsfähigkeit wieder herzustellen. Es geht nicht darum, jemandem zu helfen, ein wirklich glückliches Leben zu führen. Solange er/sie einfach nur nicht mehr zu unglücklich ist um zu arbeiten oder produktiv zu sein, ist der Therapieerfolg erreicht. So zynisch es klingt, ist das die harte Realität, überspitzt gesagt. Das bedeutet nun einerseits, dass jene, denen es noch nicht schlecht genug geht, keine Unterstützung bekommen (sofern sie nicht mit eigenfinanzierten Sitzungen überbrücken können), sondern erst richtig tief im Graben sein müssen. Und andererseits, wie oben erwähnt, dass psychische Gesundheit in direktem Zusammenhang mit finanziellem Vermögen steht.

Krass ausgedrückt: ärmere Menschen sollen eben selbst mit ihren Problemen klarkommen und warten, bis sie drankommen. Und die mit nur leichten Problemen sollen einfach mal aufhören zu jammern.

Mir jagt selbst ein ganz grausiger Schauer durch den Körper, diese letzten Sätze zu schreiben und nun vor mir zu schwarz auf weißem Bildschirm lesen zu können.

Allein die langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz negieren im Grunde schon das, was Therapie bewirken soll. Heilung, Besserung. Darauf wartet man so lange, wie früher in der DDR auf einen Trabant. Und das liegt nicht daran, dass es nicht genug Psychologen gäbe. Oder Psychotherapeuten. Die Kassenzulassung ist meist ein Problem. Und davor die Hürde der Psychotherapeuten-Ausbildung. Die ist natürlich wichtig, aber teuer und lang. Nicht jeder kann sich das leisten.

Meine zugespitzte These: es werden tendenziell privilegiertere Menschen von ebenfalls tendenziell privilegierteren Menschen therapiert. Zumindest im ambulanten Bereich. Alle anderen nicht.

Ich werde mal recherchieren, ob ich hier komplett daneben liege oder etwas dran ist 😉

Deshalb soll das hier Meinungsbeitrag betrachtet werden, ein bisschen polarisierend verkürzt. Aber ihr merkt hoffentlich, worauf ich in der Tendenz hinaus will.

Wie seht Ihr das? Übertreibe ich?

Love, Kat

*erschienen am 20.05.2021, abgerufen am 26.05.2021


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